Taoismus und Hypnose.

Scholz, W. (1994). Taoismus und Hypnose. Der Weg Milton H. Ericksons. Augsburg: AV-Verlag.

Das Buch beschäftigt sich eigentlich nicht in erster Linie mit Taoismus, auch nicht mit Hypnose als solcher, sondern - wie im Untertitel deutlich wird - mit dem Phänomen Milton H. Erickson. Ich werde mich deshalb in dieser Kritik auch nicht mit dem Taoismus auseinandersetzen, sondern Milton Ericksons Menschenbild und seine Sichtweise von Psychotherapie so vorstellen, wie Werner Scholz es uns in seinem Buch schildert. Der Umweg über den Taoismus, den der Autor hierbei wählt, erweist sich als fruchtbar und hilfreich bei dem Versuch, die Person Erickson zu verstehen, ohne ihm persönlich begegnet zu sein. Kritisieren lässt sich dann auch nicht der Inhalt, wohl aber die Form des Werkes. Leider ziehen sich durch das ganze Buch schon einigermaßen gravierend zu nennende Mängel in der Zeichensetzung, die das Lesen nicht unerheblich beeinträchtigen. Diese „Unordnung" im Kleinen findet sich auch im Großen wieder: Dem Buch mangelt es an Stringenz, vergeblich sucht man Glossar, Zusammenfassung am Schluss, Überleitungen zwischen den Kapiteln - der „rote Faden" ist kaum zu entdecken. Das Werk hat viel von einer Tagebuchaufzeichnung, es wird nicht so recht klar, welche Thesen der Autor im einzelnen vertritt und welche Argumente wohin führen sollen. Bleibt zur Entschuldigung anzumerken, dass auch Milton Erickson selbst sich einer solchen Schreibweise bediente und lieber Geschichten und Fallbeschreibungen zum Besten gab, als im Zusammenhang zu argumentieren, ja sogar Theorie zu einem gewissen Maße verabscheute (er liebte es nicht, in Büchern sein Wissen darzulegen). Dies bedenkend, ist die Leistung von Werner Scholz wieder höher zu würdigen, denn es gelingt ihm, zentrale Punkte des Ericksonschen Kosmos herauszuarbeiten. Macht man sich nämlich daran, trotz formaler Hemmnisse genauer hinzusehen, so wird man etliche Gedankengänge entdecken, die höchst interessant sind. Besonders im ersten Teil von Kapitel drei gewinnen die Ausführungen an Prägnanz, wenn der Autor daran geht, das Menschenbild Ericksons und seine Sicht von Krankheit zu beschreiben. Folgende Punkte sind wesentlich, um Milton Erickson zu begreifen: 1. Glaube an das Gute im Menschen und im Leben: Erickson vertraute im Grunde immer dem Leben selbst. Über seine eigenen Eltern konnte er sagen: „Einer meiner Söhne sagte mir: Ich werde meinen Großeltern ewig dankbar sein. Sie haben mich gelehrt, dass sie natürlich gute Zeiten in der Vergangenheit hatten, aber die wirklich guten Zeiten noch vor ihnen lägen." (Seite 73) 2. Nutzlosigkeit von „Erklärungen": Erickson glaubte nicht an die Zauberwirkung der Bewusstmachung negativer psychischer Ereignisse: „Und das Unerfreuliche und das Unglück der Vergangenheit – lass es in der Vergangenheit, weit in der Vergangenheit und schau in die Zukunft, auf die guten Tage, die kommen werden, die neuen Erfahrungen, die neuen Verständnisweisen." (Seite 94) 3. Betonung des„ Nicht-Denkens“: Erickson geht davon aus, dass Menschen, die sich nur auf ihr Bewußtsein verlassen, damit im Grunde ihr Leben zerstören und sich fortwährend selbst Probleme schaffen. Da dies in unserer Kultur mittlerweile gang und gäbe ist, sind so viele Menschen in schweren Lebenskrisen scheinbar ohne Ausweg. Auf die Frage, woher er die Kraft für sein Leben und die Therapie nehme, antwortete Erickson: „Ich gehe zu meinem Unbewussten". (Seite 76) Er war davon überzeugt, dass jeder Mensch, mag er auch noch so schwer gestört erscheinen, die Lösung für seine Probleme bereits ins sich trägt, und zwar jenseits von Analyse, Rationalität und logischem Denken, nämlich in der Tiefe seines Unbewussten. Man muß ihm nur „erlauben", dorthin zu gelangen. Heilung geschieht durch den Klienten selbst, sobald der Therapeut es schafft, ihn zu seiner eigenen Kraft zurückzuführen, indem er den gebetsmühlenhaft vorgetragenen Problemlösestrategien des Bewusstseins (auch „Ich" genannt) eine Pause verordnet: Nicht das, was der Therapeut tut, nicht das, was er sagt, ist, was dem Patienten hilft, sondern das, was der Patient tut, versteht und erfährt. Die nachdrücklich und uneingeschränkt positive Sicht des Unbewussten teilt Erickson mit einem anderen großen Heiler, dem Zeitgenossen Freuds, Georg Groddeck. Diese Denkweise steht in scharfem Gegensatz zum derzeitigen Menschenbild der tiefenpsychologischen Schulen, das geprägt ist durch eine skeptische Haltung gegenüber dem Unbewussten, welches gezähmt und beherrscht werden soll, analysiert und bewusst gemacht (der Psycho-Analytiker Freud formulierte ja: „Wo `Es' war, soll `Ich' sein."). Hier Vorbehalte und Misstrauen gegenüber der Tiefe und Macht des „Es" - dort die Überzeugung, dass Kräfte im Menschen stecken, in seinem Unbewussten, die ihm helfen können, auch in schwierigsten Situationen zu bestehen und Wege zum Leben zu finden. Notwendig dazu ist lediglich, Menschen in Not den Rückhalt in sich selbst zu eröffnen, ihnen zu zeigen, dass es klug ist, zur eigenen Weisheit zurückzukehren. 4. Skepsis gegenüber „ theoretischer Psychotherapie °: Erickson misstraute den psychoanalytischen Lehrsätzen, die, wie er sagte, den Blick auf den einzelnen Menschen verstellen. Keine zwei Menschen aber sind gleich und jeder braucht seine Behandlung. „Bewährte" Diagnosen bergen die Gefahr, zu früh und zu schnell Wissenslücken zu füllen, welche nur die Menschen, die in Therapie kommen, selbst füllen können. Weil er nicht zu früh aufhören wollte, dem Klienten zuzuhören und zuzusehen, begegnete Milton Erickson psychologischen Theorien mit Vorbehalt. 5. Vertrauen in das Unbewusste: Normal zu leben bedeutet für Erickson, zu erkennen, wo die Orientierung am bewussten Denken uns im alltäglichen Leben nützen kann und wo eher Nachteile entstehen, wenn man sich nur darauf verlässt: „Was die Menschen nicht verstehen (...) ist, dass der größte Teil ihres Lebens unbewusst bestimmt ist." (S. 98) Erickson sah, dass der Mensch in seinem Unbewussten alle Möglichkeiten hat, um ein erfülltes Leben zu führen; das heißt nicht etwa, sorgenfrei, leidfrei oder problemfrei zu sein, doch frei von der Notwendigkeit, neurotisch oder psychotisch reagieren zu müssen. Patienten kommen in die Praxis des Psychotherapeuten, wenn die bewussten Anstrengungen zur Problemlösung selbst zum Problem geworden sind - und nachdem das Bewußtsein, oft Jahre lang, die anfangs noch zaghaften, später notwendigerweise immer massiveren Symptome als unerwünschte „Störungen" des Alltags abgewehrt hat, die es zu eliminieren suchte, nicht aber als Aufruf, zur eigenen Intuition zurückzukehren. Eben dies unternahm Milton Erickson dann in der Therapiestunde. Regelmäßig wird das Versagen der „rationalen Lebensweise" dem Ich erst dann deutlich, wenn der Körper oder die Psyche regelrecht zusammenbricht. Jetzt erst erkennt man, dass die bisherigen - wohlüberlegten Problemlösestrategien versagt haben. Bewusst ist bis zu diesem Zeitpunkt alles getan worden, um die Schwierigkeiten zu meistern, doch sie nahmen zu, anstatt abzunehmen. Schließlich muß das „Ich" einsehen, dass so sein Leben nicht gelingen wird und gibt auf. Erickson weist es sanft in seine Schranken: „Die Patienten haben Probleme, weil ihre bewusste Programmierung ihre Fähigkeiten ernstlich begrenzt hat. Die Lösung besteht darin, ihnen zu helfen, die Beschränkung ihrer bewussten Haltungen zu durchbrechen, um ihr unbewusstes Potential für die Lösung ihrer Probleme zu befreien. (..) Man baut eine Technik um Instruktionen herum, die ihrem Bewußtsein erlaubt, sich von der Aufgabe zurückzuziehen und alles dem Unbewussten zu überlassen." (S 106) Hier sind wir am Kern von Ericksons Therapieerfolg angelangt, dem nicht bloß als Lippenbekenntnis geäußerten „Trau dir selbst". Im folgenden erklärt er noch, was für ihn „therapeutische Trance" bedeutet: „Es ist das Vorurteil und die Hybris des rationalen und intellektualisierenden Geistes, die die Leistungen und Möglichkeiten des Unbewußten herabsetzen. Das Bewußtsein glaubt gern an seine Autonomie und Macht. In Wirklichkeit ist Bewußtsein immer fokal und deshalb begrenzt. (..) Obwohl wir gerne glauben, daß Bewußtsein eine hohe Form der evolutionären Entwicklung ist, ist es tatsächlich äußerst labil und begrenzt in seinen Fähigkeiten. Therapeutische Trance kann verstanden werden als ein Zustand, in dem unbewußte Arbeit bis zu einem gewissen Maß befreit ist von den begrenzenden Foki und Einstellungen des Bewußten. Wenn einmal das Unbewußte seine Arbeit getan hat, kann das Bewußte sie in den verschiedenen Augenblicken und Lebensumständen empfangen und fokussieren. Das Unbewußte ist ein Hersteller und Bewußtsein ist ein Verbraucher; Trance ist ein Vermittler zwischen ihnen. " (S 106) Werner Scholz gebührt das Verdienst, mit seinem Buch der Stimme Milton Ericksons wieder Gehör verschafft zu haben. Dieser würde zu vielem, das heute unter dem Rubrum „Psychotherapie" sein Dasein fristet, eine klare Absage erteilen. Alles, was zu massiv, zu direktiv und zu analytisch daherkommt, nützt nicht nur nichts, sondern schadet sogar, weil es dem Menschen Gewalt antut: „Patienten kommen in Therapie nicht nur wegen der Therapie, sondern auch, weil sie gestützt und unterstützt werden wollen. Sie wollen nicht, dass zu schnell zu viel passiert. Man muß es langsam tun, schrittweise und gemäß ihrer Assimiliationsfähigkeiten. " (S 111) Werner Scholz ergänzt hierzu: „Klienten müssen frei bleiben, ihre eigene Arbeit an sich selbst leisten zu können, sie wissen unbewußt meist sehr genau, was zu tun ist. (..) Anweisungen sind wirklich nur dann therapeutisch sinnvoll, wenn sicher ist, daß Klienten damit auch umgehen können und nicht mehr Probleme erzeugt als gelöst werden. Auch hier spielt Widerstand eine Rolle, Widerstand nicht verstanden als Negativum, als Renitenz, wie in vielen autoritären Therapierichtungen, sondern als Mittel, intakt bleiben, zu können, lieber zu leiden als zusammen oder auseinanderzubrechen. " (S 111) Wenn doch nur diese Wahrheit bereits in die Köpfe und vor allem in die Herzen der Helfer gelangt wäre. Dies ist leider nicht der Fall und so müssen wir uns nicht wundem über den steifen Wind, der uns Psychologen derzeit in vielen Medien und in Gestalt von Vorurteilen eines Großteils der Bevölkerung entgegenschlägt. Allzu oft wird gegen den Grundsatz verstoßen, den Menschen als Ganzes anzunehmen, zu akzeptieren und nicht zu vergewaltigen, um kurzfristige Ziele zu erreichen, die nur der eigenen Selbstbestätigung und nicht dem Klienten dienen. Dies ist keine Therapie, sondern Mißbrauch - und wer Werner Scholz' Buch gelesen hat, wird mit mir bedauern, daß es nur so wenige Therapeuten gibt, die die Sensibilität und Integrität eines Milton Erickson besitzen.
Albrecht Schnabel