Wer bestimmt, was hilft?

Schneider, E. (1996). Wer bestimmt, was hilft? Über die neue Zahlengläubigkeit in der Therapieforschung. Paderborn: Junfermann

Gelegentlich rufen in unserer Praxis Klienten an, um sich zu erkundigen mit welchen Methoden, resp. nach welcher therapeutischen Ausrichtung wir arbeiten. Vermutlich ist dies auch eine Folge der von Grawe initiierten Diskussion um Effizienz und Professionalität der Psychotherapie, was inzwischen dazu führt, dass in Radiosendungen und Boulevardblättern Kriterien veröffentlicht werden, die den Laien helfen sollen, sich auf dem unübersichtlichen Therapiemarkt zurechtzufinden. So sinnvoll dies auch auf den ersten Blick erscheint, zeigt es auch eine Reihe von problematischen Folgeerscheinungen. Jedenfalls wird mir, während ich mir Mühe gebe, die verlangten Informationen zu geben, meist die Vergeblichkeit solchen Tuns überdeutlich bewusst, denn selbst gesetzt den Fall, es gelänge, in kurzen und prägnanten Worten zu verdeutlichen, was z. B. „kognitive Verhaltenstherapie" ist, und was sie im konkreten Fall leisten könnte, wüsste damit der Frager wirklich das, was er wissen will? Ich habe da gewisse Zweifel. Eberhard Schneider ist ein Mann der Praxis (leitender Psychologe einer psychosomatischen Klinik), und als solcher bringt er ein natürliches Interesse mit für praktische Fragestellungen. Die oben skizzierte Schwierigkeit findet sich im 5. Kapitel seines Buches wieder unter der Überschrift: „Sind Therapieformen Markenartikel?" Die Antwort ist ebenso kurz wie klar: Gegen die Anwendung eines „mechanistischtechnischen Paradigmas" (wie es beispielsweise die Vergabe von Gütepunkten für bestimmte Therapieverfahren wäre) spricht nach Ansicht des Autors die „Einzigartigkeit der menschlichen Begegnung, wie sie die psychotherapeutische Behandlung darstellt'. Damit sind wir schon mitten in der zentralen Auseinandersetzung, um die es in diesem Buch geht. Doch zuvor zurück zu den Anfängen: Der Autor liefert zunächst einen exemplarischen Abriss der Begründungszusammenhänge der Psychotherapie, wobei er einen Schwerpunkt der Betrachtungsweise darauf legt, innerhalb welcher konkreten historischen Zusammenhänge und/oder wissenschaftlicher „Moden" sich bestimmte Begriffe und Argumentationsmuster herausbildeten. Im weiteren werden die wichtigsten Methoden und Begriffe der Psychotherapieforschung dargestellt und erklärt. Im Zentrum des Buches steht die Auseinandersetzung mit dem Buch „Psychotherapie im Wandel" von Grawe et al.. Hier wird nun auch der im Untertitel des Buches angekündigte Anspruch, eine „Streitschrift" zu sein, eingelöst: In durchaus kämpferischer Weise setzt sich der Autor mit den methodischen Schwächen und argumentativen Unzulänglichkeiten der Grawe-Schrift auseinander. Hauptansatzpunkt seiner Kritik ist ein einseitiger, verengter und polemisch verwendeter Wissenschaftsbegriff in der Graweschen Argumentation, der dazu führt, dass alles, was nicht diesem Wissenschaftsverständnis genügt, ausgegrenzt und letztlich eliminiert wird -eine Art Flächensanierung in der Psychotherapielandschaft wäre die Folge, würde das tatsächlich umgesetzt. Demgegenüber setzt der Autor auf einen integrativen Ansatz in der Therapieforschung und einen behutsameren Umgang mit dem Datenmaterial. Als Beispiel dafür führt er eine große Studie von Seligman aus dem Jahre 1995 an, die in allen wesentlichen Punkten den Schlußfolgerungen von Grawe widerspreche. Im Anhang schließlich werden Hinweise gegeben für die schwierige Suche nach einem/r guten Psychotherapeuten/in. Dem Buch sind viele Leserinnen zu wünschen, die sich in der komplexen und schwierigen Debatte und Effizienz und Professionalität in der Psychotherapie zurechtfinden wollen.

Paul Janouch